Interview mit Ludger Singer

ludger-archiv

Defragmentierte Worte
des virtuosen Pianisten
über das Würfeln mit Noten,
ein mittelalterliches Clavichord
und sein Leben ohne Maniküre.

 


 

Volker Wilde: Viele Zuschauer finden Deinen Gesang amüsant, manche schauderlich. Welcher Teufel reitet Dich, wenn Du singst?

Ludger Singer: Wenn ich Zuhörer amüsiere, habe ich sie immerhin erreicht; das ist mehr, als viele Kollegen je zustandebringen, oder? Dass manche mein Singen schauerlich finden, mag sein – höre ich jetzt aber zum ersten Mal!
Ich mag und kann halt nicht irgendeinem zufällig gerade angesagten Klangideal entsprechen. Ich bin nicht schwarz und auch nicht aus der Bronx, sondern gehe, als Sänger, von europäischen „roots“ aus. Von der Oper, dem Chanson, der Gregorianik. Und natürlich von Rays Texten: Die verlangen nun mal oft nach eher seltsamen/drastischen Klängen.
Ein Teufel ist natürlich auch dabei, aber der reitet nicht mich, sondern ich schicke ihn ganz bewusst Richtung Publikum – und er ist speziell auf Rezensenten abgerichtet.
Aber mal ganz ehrlich: Gegenüber z.B. David Moss klinge ich doch brav wie ein Chorknabe, oder?

Volker Wilde: Man kennt Dich aber mehr als virtuosen, fast manierierten Pianisten, Keyboarder und Posaunisten von Art|De Fakt. Kommst du Dir mit Urban Elsässer, dem zweiten Kopf der Band, ins Gehege?

Ludger Singer: Nicht im Geringsten. Im Gegenteil: Ich finde, wir ergänzen uns prächtig.

Volker Wilde: Hast Du Dich besonders auf die Zusammenarbeit mit Ray Federman vorbereitet, einige Romane gelesen oder seine Biographie im Internet?

Ludger Singer: Ich habe seine Bücher gelesen, teils mit größtem Vergnügen. Mein Favorit ist nach wie vor „Alles oder nichts“. Danach braucht man Rays Biographie, unter Vorbehalt, nicht mehr zu studieren.
Anders ist es mit seiner Lyrik, die ich teils erst mit dem Notenblock in der Hand oder am Klavier probierend kennenlernte. Das dann aber gründlich: Manchmal dauerte es eine ganze Weile, bis diese Texte einen Zugang preisgaben.
Vielleicht liegt es an der manchmal verblüffenden Verwandtschaft der Arbeitsweisen: Was der Dichter hier mit Worten und Inhalten anstellt, tut der Musiker improvisierend oder komponierend mit Themen, Formen und Phrasen.

Volker Wilde: Wie machst Du das mit der Musik zu Rays Texten? Geht’s auch umgekehrt?

Ludger Singer: Der Normalfall ist wohl, vom Text zur Musik zu gelangen und bei mir ist es nicht anders.
Aber auf der „Surfiction No. 2“-CD gibt es tatsächlich ein Stück, bei dem es genau umgekehrt war: In die fertige Musik wurde der Text eingesetzt und passte zur Hauptlinie, als sei diese nach dem Text komponiert worden.
Vielleicht ist es verständlich und interessanter, wenn ich nicht verrate, welches Stück das ist. Ich finde es jedenfalls sehr gelungen und weigere mich, dies Phänomen als einen „Glückstreffer“ anzusehen.

Volker Wilde: Wie läuft die praktische Arbeit mit Ray ab?

Ludger Singer: Dazu gibt es glücklicherweise nur eine kurze Antwort: Die Arbeit ist ganz unproblematisch!
Die jeweiligen Komponisten, aber auch alle Übrigen machen Vorschläge, wie beispielsweise in der Live-Situation Ray als Sprecher in die Stücke hinein integriert wird (soweit nicht schon mit komponiert) oder wo die Musiker ihrerseits als Sprecher agieren, welche Gruppen von Texten/Kompositionen als Zyklus zusammenpassen, an welcher Stelle man das Publikum noch ein bisschen quälen könnte, also wo Ludger singt (lacht).
Ist das „amtliche“ Programm erst einmal gefunden, geht das eigentliche Proben leicht und schnell von der Hand.
Schließlich sind wir Könner unseres Fachs.

Volker Wilde: Was inspiriert Dich beim Komponieren?

Ludger Singer: Meine häufigste Arbeitsweise kann man nur als hoffnungslos veraltet bezeichnen.
Zum Text erfinde ich erst mal eine Melodie, die dann weitere Parameter wie Form, Dynamik, Tonalität, Gegenlinien, Harmonik (oder auch nicht) und Rhythmik zwangsläufig nach sich zieht.
Das hat meistens wenig mit dem Warten auf den genialen Einfall zu tun, sondern ist mehr ein liebevoll-geduldiges Probieren. Die vielbemühte „Inspiration“ kommt oft erst während dieses Prozesses.
Meine zweite, auch nicht besonders originelle Methode ist das Kombinieren von bereits vorhandenen Skizzen, Ideen und Entwürfen. Eine Art akustisches Tangram-Spiel, das man auch zu mehreren spielen kann.
Im aktuellen Programm von Art|De Fakt habe ich allerdings zwei Stücke, die ganz anders entstanden sind. Das eine entstand aus einer langen Klavier-Improvisation. Im anderen wurden die Töne der wichtigsten Elemente schlicht gewürfelt. „Auch nicht das Neueste.“ Aber bei Kompositionstechniken bin ich nicht wählerisch und verwende alles, was ich für sinnvoll halte.

Volker Wilde: Du hast eine manierierte, sehr virtuose CD mit Clavichord aufgenommen. Wie kam es zu dieser Einspielung?

Ludger Singer: Nun, ich spiele nicht manikürt, das würde am Clavichord sehr wehtun wegen der Fingernägel (lacht). Die Einspielung ist einfach eine Dokumentation von Möglichkeiten dieses Instruments, ein Unikum und Eigenentwicklung von mir.
Und ausgerechnet hier geht es dezidiert nicht um „barockes Spiel“, obwohl ich mich damit ebenfalls beschäftige.
Ich finde es sehr amüsant, dass gerade die klugen Vertreter der über Musik schreibenden Zunft immer wieder mit dieser Barock-Assoziation daherkommen. Dabei hat das Clavichord eine Geschichte bis zurück ins Mittelalter und seine größte Zeit Ende des 18.Jh. gehabt.
Mittlerweile habe ich ein weiteres Instrument gebaut, mit verbesserten Eigenschaften, und es gibt einige spezielle Projekte, wie beispielsweise das Trio Delight, drumherum.

Volker Wilde: In welche Richtung soll es mit Art|De Fakt gehen? Falls Ray aufhört, immerhin ist er 71, werdet ihr mit einem anderen Dichter weitermachen?

Ludger Singer: Sicher wird es auch und wieder ein dichterloses Art|De Fakt geben – die Gruppe hat auch so ihre ganz besonderen Qualitäten.
Ob und welche Literaten mit uns arbeiten werden, ist ganz offen; Ich persönlich finde das momentan sogar gut: Ungewissheit kann ein guter Kreativitätsantrieb sein.

Volker Wilde: Vielen Dank für das Gespräch.

Andere Projekte von Ludger Singer:

www.ludger-singer.de
„Jenseits von Jazz, zeitgenössischer Musik und imaginärer Folklore geht es weiter“